Hier geht's zur aktuellen Website zurück
23.03.2020 13:10

Corona-Patienten

Welche Patienten werden bei Knappheit gepflegt?

Spitäler könnten bei vielen Corona-Patienten auf den Intensivstationen an den Anschlag kommen. Schlimmstenfalls müssen Ärzte zwischen Leben und Tod entscheiden.

von
bz/pro
1 / 96

Eine grosse Zahl von Coronavirus-Patienten könnte die Schweizer Spitäler überrollen. Sollten die Kapazitäten nicht mehr genügen, müssten Ärzte im schlimmsten Fall über Leben und Tod entscheiden, weil nicht mehr alle Patienten aufgenommen werden können. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) und die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) erstellten dazu Richtlinien für die Triage auf Intensivstationen. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Warum wurde die Richtlinie erstellt?

In einer Notstandsituation ist die Belastung für das medizinische Personal sehr gross. Die Richtlinien bilden die Basis für schwerwiegende Entscheidungen. Konkret geben die Richtlinien gesamtschweizerisch vergleichbare Kriterien für die Aufnahme und den Verbleib von Patienten auf Intensivstationen vor. Davon betroffen sind vor allem die schwerst kranken Patienten.

Wie wird entschieden, wer behandelt wird?

Die Ärzte entscheiden anhand von diversen Kriterien, die aus der internationalen medizinischen Literatur identifiziert worden seien. Ein Kriterium sind laut Thierry Fumeaux, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI), etwa chronische Krankheiten. «Die Leute sollen aber nicht denken, ich habe diese Krankheit, also bekomme ich keinen Platz.» Das Alter habe bei der Entscheidung keine Priorität. Aber man wisse, dass es ein Risikofaktor für Mortalität sei. «Bei einem 80-jährigen Corona-Patienten mit einer chronischen Erkrankung würde man wohl anders entscheiden als bei einem ansonsten gesunden 50-Jährigen.» Die Richtlinien sehen vor, dass bei der Aufnahme auf die Intensivstation Patienten mit den besten Behandlungsaussichten Vorrang haben.

Wie lange werden Patienten behandelt?

Solange genügend Ressourcen zur Verfügung stehen, werden laut den Richtlinien alle Patienten aufgenommen, die eine intensivmedizinische Behandlung benötigen. Sogenannte Rationierungsentscheide werden nötig, wenn eine Notsituation mit einer grossen Anzahl schwerst kranker Patienten eintritt.

Wie läuft ein Rationierungsentscheid ab?

«Sobald nicht mehr genügend Beatmungsplätze vorhanden sind, wird das Personal die Richtlinien anwenden müssen, um eine Triage durchzuführen», sagt Fumeaux. Die Prognose der Patienten sei sehr wichtig. «Wir wollen, dass so viele Leben wie möglich gerettet werden.» Wer einen Platz erhalte und wer nicht, diskutiere der diensthabende Arzt mit dem Pflegeteam und wenn möglich dem Patienten. «Dann wird eine kollektive Entscheidung gefällt.» Alles müsse hierbei schriftlich dokumentiert werden. «Diese Entscheidung ist auch für das Personal eine grosse psychologische Belastung. Die Lage muss allerdings katastrophal sein, dass Patienten keinen Beatmungsplatz erhalten oder er ihnen weggenommen wird.»

Wird es so weit kommen, dass ältere Patienten gar nicht mehr behandelt werden?

«Ja, das könnte sein, aber nur, weil sie durchschnittlich mehr vorhandene Erkrankungen mitbringen», sagt Fumeaux. Wenn keine freien Intensivpflegeplätze mehr zur Verfügung stünden, könnten die am schwersten betroffene Patienten dort nicht mehr behandelt werden.

Kann sich ein Patient gegen den Entscheid wehren?

Theoretisch nein. «Es ist eine aussergewöhnliche Lage, wenn wir eine solche Triage durchführen müssen», sagt Fumeaux. In einer Katastrophenlage müsse das Personal die Entscheidung durchsetzen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass nicht mehr alle Patienten behandelt werden können?

Dass lasse sich nicht vorhersagen, sagt Fumeaux. «Aber die Behandlungsteams müssen sich jetzt für ein solch mögliches Szenario vorbereiten, das in den nächsten Tagen oder Wochen eintreten könnte.»

Kann es sein, dass ein Patient mit schlechten Überlebenschancen einem Patienten mit guten Überlebenschancen das Bett auf der Intensivstation freimachen muss?

Ja. «Jemand könnte aus dem Bett verdrängt werden, wenn die Chance auf Heilung nicht so gut ist wie bei einer anderen Person», sagt Daniel Scheidegger, Präsident der SAMW, zu Radio SRF.

Fehler gefunden?Jetzt Melden.