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25.03.2020 07:38

Nahrungsmittelproduktion

Wegen Corona fehlen den Gemüsebauern Arbeiter

Die Landwirtschaft sucht europaweit verzweifelt nach Erntehilfen. Wegen des Coronavirus dürfen sie nicht mehr aus dem Ausland kommen.

von
rkn
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Die Coronavirus-Krise setzt die Landwirtschaft unter Druck: Produzenten von Obst und Gemüse geht in ganze Europa das Personal aus – auch in den Ländern, aus denen die Schweiz viele Nahrungsmittel importiert.

Das Problem: Normalerweise setzen die Bauern sowohl in der Schweiz als auch in Ländern wie Italien, Spanien und Deutschland auf ausländische Erntehelfer. Wegen der Coronavirus-Krise können viele davon jetzt nicht einreisen.

Bauern fürchten um ihre Existenz

Das Ganze wird noch durch die Wetterlage erschwert – der italienische Agrarverband Coldiretti etwa schlug am Dienstag auf Twitter Alarm: «Für die neuen Pflanzen, die wegen des warmen Winters früh kamen, mangelt es an Arbeitern.» In Deutschland fürchten Bauern teils gar um ihre Existenz, wie BR.de berichtet.

In Spanien macht man sich zudem Sorgen wegen Absenzen der heimischen Mitarbeiter: «Es gibt einen beunruhigenden Anstieg von Fehlzeiten», wird Luis Miguel Fernández Sierra vom Agrarverband Coexphal von Zeit.de zitiert. Die Situation werde jeden Tag schlimmer. Dies unter anderem, weil viele Erntehelfer ohne Führerausweis wegen der strengen Distanzregeln auch nicht mit anderen zusammen zur Arbeit fahren oder auf Transportfahrten gehen dürfen.

Auch die Schweiz betroffen

In der Schweiz sind ebenfalls viele Gemüse- und Obstbetriebe auf ausländische Erntehelfer angewiesen. Die kommen nun teilweise aber nicht, wie Ferdi Hodel vom Zürcher Bauernverband zu 20 Minuten sagt – das bringe die Bauern unter Zeitdruck: «Die Arbeiten kann man nicht verschieben.» Auf den Höfen stehen derzeit Frühlingsarbeiten für diverse Gemüse an, darunter etwa Spargeln.

Zwar ist die Einreise in die Schweiz mit einer Arbeitsbewilligung weiterhin erlaubt, wie es seitens des Staatssekretariat für Migration heisst. In der aktuellen Krisensituation dürfte es für viele unangenehm sein, zu reisen – nicht nur weil es die Ansteckungsgefahr erhöht. Die unsichere Lage könnte für manche Person ein Argument sein, vorläufig lieber bei der Familie zu bleiben.

Verbände reagieren

Nun wollen der Schweizer Obstverband und der Verband Schweizer Gemüseproduzenten mit dem Personalverleiher Coople die Ernten 2020 sichern. Die Idee: Da derzeit viele Gastronomiearbeitende nach Beschäftigung suchen, will Coople diese Personen an Bauernhöfe vermitteln.

Unabhängig von der Pandemie sorgt ein möglicher Frost bei den Bauern für weitere Unsicherheit. Vor allem die Steinobsternte könnte getroffen werden, wenn es in den nächsten Wochen noch einmal gefrieren sollte.

Lieferschwierigkeiten

Mit Versorgungsengpässen wird aber trotz der prekären Situation nicht gerechnet: Coop und Migros geben an, die Versorgung sei weiterhin gewährleistet und man sei von keinen Unterbrechungen in der Lieferkette betroffen. Man könne nur für die aktuelle Situation sprechen, fügt Coop an.

So schützen die Detailhändler ihre Mitarbeiter und Kunden. (Video: SDA)

Lidl Schweiz räumt hingegen ein, dass derzeit nicht immer alle Artikel ständig zur Verfügung stehen – Lücken in den Regalen seien aber nur temporär, und es sei sortimentsübergreifend genügend Ware vorhanden. Es komme zu Verzögerungen bei der Lieferung von stark nachgefragten Artikeln. Das Unternehmen habe darum die Anlieferungszeiten verlängert und das Personal aufgestockt.

Auch bei Aldi Suisse ist von vereinzelten Lieferschwierigkeiten die Rede – primär von italienischen Lieferanten. Ausfälle habe man bisher mit Alternativartikeln abdecken können.

Wartezeiten an der Grenze

Die erhöhte Nachfrage stellt die Händler also vor allem vor eine logistische Herausforderung. Der Warengrenzverkehr funktioniere aber grundsätzlich nach wie vor, heisst es sowohl bei den Detailhändlern als auch beim Schweizerischen Nutzfahrzeugverband Astag.

Der Verband gibt allerdings an, man habe vergangene Woche punktuell Rückmeldungen erhalten, dass es für Lastwagen an den Grenzen im Tessin lange Wartezeiten gab. Ein Lastwagenfahrer spricht gegenüber 20 Minuten gar von bis zu sechs Stunden Verzögerungen im Güterverkehr an der deutschen Grenze.

Erntehelfer online gesucht

Der Schweizerische Bauernverband nutzt die Online-Plattform Agrix.ch, auf der sich etwa Personen, die von Kurzarbeit betroffen sind, für einen Ernteeinsatz melden können. Laut Ferdi Hodel vom Zürcher Bauernverband ist die Solidarität in der Schweiz gross. Ob die fehlenden ausländischen Erntehelfer aber komplett durch solche Aushilfen ersetzt werden können, kann er nicht sagen.

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